Frauen:

Anna von Harnier -63 kg

Portrait: Anna von Harnier
Geboren am: 27.01.1981
Größe: 1,71 m
Beruf: Studentin – Japanologie und Jura
Graduierung: 4. Dan
Aktiv seit: 1989
Trainer: Michael Bazynski, Daniel Gürschner, Frank Wieneke
Verein: SV Böblingen
1. Trainer: Gernot Rohm
1. Verein: SV Böblingen

Anna von Harnier hatte bereits zur Weltmeisterschaft in Rio de Janeiro mit dem 5. Platz das Olympia-Ticket gelöst. Insofern konnte sie recht entspannt in die langfristige Vorbereitung auf Peking gehen.

Über Anna von Harnier:

Ganz so einfach und gerade aus klappte jedoch diese Aufgabe nicht. Gab es doch gerade Anfang des Jahres einige Wettkämpfe, wo es so gar nicht funktionierte und die ehrgeizige Athletin dem Erfolg etwas hinterher lief. Mit dem Sieg im World-Cup Mitte Mai in Rom platzte jedoch der Knoten und Anna siegte wieder.

Anna von Harniers Erfolgsbilanz ist groß. Es werden bereits ihre zweiten Olympischen Spiele. Aber auch drei Weltmeisterschaften mit Bronze und zwei Mal Platz 5 sowie Bronze bei der Europameisterschaft 2007 stehen auf ihrem Haben-Konto. Dazu noch 2006 der Vize-WM-Titel der Studierenden und Mannschafts-Gold – eine beachtliche Bilanz der Böblingerin, die vor fast 20 Jahren mit dem Judo begonnen hat.

Ein Schulkamerad nahm sie einst mit zum Judo. Annas Mutter hatte immer darauf geachtet, dass die Tochter sich sportlich betätigt und dabei auch Spaß hat. Ein bisschen Turnen, Hockey und sogar Fechten hatte sie in Schul-Arbeitsgemeinschaften probiert, aber richtigen Spaß und Freude hatte sie immer wieder beim Judo, mit dem sie 1989 beim SV Böblingen begann.

Ihre Liebe zu dieser fernöstlichen Sportart ging sogar so weit, dass sie einen 15monatigen Aufenthalt bei einer Profimannschaft von Komatsu absolvierte und beim Olympiasieger von Los Angeles, Matsuoka-Sensei, trainieren konnte. "Dieses Jahr hat mich definitiv persönlich und sicher auch mein Judo bzw. meine Sicht auf Judo stark verändert und beeinflusst."

Auch ihr Berufswunsch wurde dadurch geprägt. Sie studiert an der Universität Köln Japanologie und Jura. „In Jura habe ich während der A-Turniere im Frühjahr fünf Prüfungen erfolgreich bestanden, womit ich nun unmittelbar vor Abschluss meiner Zwischenprüfung stehe. In Japanologie bereite ich gerade meine Magisterarbeit vor.“ Allerdings hat sie sich nunmehr für die optimale Vorbereitung auf Peking dieses Semester für den Sport beurlauben lassen.

Trotz der vielen Erfolge verliefen ihre letzten Jahre nicht immer wunschgemäß. Häufige Verletzungen insbesondere der Schulter warfen sie immer wieder zurück, ließen sie aber auch immer wieder um so stärker zurück kommen.

Auch im vergangenen Jahr passierte fast Unfassbares. Eine Woche nach dem Bronze-Gewinn bei der EM in Belgrad riss das Innenband am Knie. "Diese Verletzung wurde nur konservativ behandelt und schon sechs Wochen später konnte ich wieder Judo machen. Dabei habe ich viel unserer OSP-Reha-Trainerin Anja Löhr zu verdanken. Ohne ihre extrem engagierte Arbeit hätte ich es nie geschafft, wieder so schnell in Form zu kommen."

Der fünfte Platz bei der WM in Rio zeigt ihren unbändigen Ehrgeiz, auch nach solchen Tiefschlägen wieder international auf höchstem Niveau präsent zu sein.

Dabei bietet ihr privates Umfeld recht gute Bedingungen, um Judo als Leistungssport zu betreiben. „Da wir in der Nähe des Olympiastützpunktes (OSP) Sindelfingen wohnten, hatte ich auch das Glück, dass ich mich nie entscheiden musste, auf ein Sportinternat zu gehen. Anfangs ging ich zweimal in der Woche nach Sindelfingen zum Randori. Als ich dann älter und erfolgreicher wurde, trainierte ich mehr und mehr in der Trainingsgruppe am OSP bei Wolf-Rüdiger Schulz.“

Trotzdem sie keine direkten Vorbilder hatte, boten ältere Athletinnen wie Alexa von Schwichow oder Tanja Münziger, mit denen sie in ihrer Jugendzeit am OSP Sindelfingen trainiert hat, sportlich eine gewisse Vorbildfunktion. „Besonders beeindruckt hat mich aber Gella Vandecaveye, die über Jahre hinweg meine Gewichtsklasse dominiert hat. Als Kind kannte ich sie vom Titelbild des Judomagazins. Als ich dann Jahre später gegen sie beim Super-A Tunier in Paris gekämpft habe, war das schon ein sehr merkwürdiges Gefühl.“ Stellt sie ihre Hochachtung vor dieser Ausnahme-Athletin aus Belgien dar.

Ihre sportlichen Stärken liegen in Disziplin, Zielstrebigkeit, Ehrgeiz und Perfektionismus. „Allerdings liegen in den letzten beiden auch gleichzeitig meine größten Schwächen. Ich bin äußerst selbstkritisch und stelle so hohe Ansprüche an mich, die ich dann nicht immer erfüllen kann. Leider wirkt sich das auch auf meine Stimmung und Motivation aus, weshalb Trainer und Trainingspartner ab und an unter mir leiden müssen.“ Bemerkt sie mit einem Augenzwinkern recht selbstkritisch.

Neben diesem intensiven Programm zwischen Studium und Sport bleibt ihr nicht viel Zeit für Hobbys. „Da war ich abends einfach nur froh, wenn ich nach einem 14-Stunden-Tag endlich zu Hause war.“ Erst jetzt, wo das Studium kurzzeitig zurückgestellt ist, genießt sie die Zeit, die sie zwischen den Trainingseinheiten hat.

„Ich treffe mich öfter mit Freunden zum Kaffee trinken, durchforste Köln auf der Suche nach schönen Accessoires, oder genieße einfach nur die Sonne im Park. Endlich habe ich auch wieder Zeit, Bücher zu lesen, die nicht nur fürs Studium relevant sind und z.B. ins Kino oder Museum zu gehen.“

Und da ist auch noch ihre große Liebe, ihr Freund in Brasilien, der ebenfalls Judoka ist und sich derzeit ebenso wie Anna auf Olympia vorbereitet. So oft wie nur möglich telefonieren die Beiden, da der enge Zeitplan in der Vorbereitung auf Peking derzeit kein persönliches Treffen zulässt.

Die Ziele für Peking hat Anna von Harnier sehr hoch gesteckt. „Mein Ziel in Peking ist, mein bestes Judo zu zeigen. Wenn ich so kämpfe, wie ich es kann, voller Selbstvertrauen und Biss, dann ist eine Medaille auch drin!

Natürlich ist der Olympiasieg mein Traum, aber wer will das nicht. Ich hoffe, dass ich mein Potential an meinem Tag voll abrufen werde und ich dazu noch das nötige Quäntchen Glück habe.“

Dabei hat sie auch das erste halbe Jahr ganz klar analysiert und die Konsequenzen für sich sehr deutlich formuliert. „In letzter Zeit habe ich oft zu zaghaft und zu vorsichtig gekämpft, teilweise eher darüber nachgedacht nicht zu verlieren als zu gewinnen. Das wird es in Peking nicht mehr geben. Ich habe hart dafür gearbeitet und werde auch weiterhin alles dafür geben, dass sich mein Traum von der Olympiamedaille erfüllt.“

Aber nicht nur sie selbst stellt sich hohe Ziele. Sie schaut auch über den berühmten Tellerrand hinaus und sieht die Notwendigkeit, generell für die Sportart Judo eine Lanze zu brechen. „Ansonsten erwarte ich, dass wir als Mannschaft erfolgreich sind. Nur so können wir unseren Beitrag dazu leisten, dass deutsches Judo auch weiterhin international wettbewerbsfähig bleibt.“

 

Text: Birgit Arendt
Fotos: Birgit Arendt und Andreas Bienert-Bundeswehr (1)

Sportliche Erfolge:

2007 3. Platz Europameisterschaften in Belgrad
5. Platz Weltmeisterschaften in Rio de Janeiro
2005 5. Platz Weltmeisterschaften in Kairo
2004 Teilnehmerin Olympische Spiele in Athen
2003 3. Platz Weltmeisterschaften in Osaka
2002 Deutsche Meisterin in Ettlingen

Fragen an Anna von Harnier:

Was treibt Dich an?

Ich habe den Willen, alle Aufgaben, sei es nun Sport, Schule oder Studium, optimal zu erfüllen. Das ist aber meistens sehr einfach, da mir Judo und Studium sehr viel Spaß machen. Ich habe es mir schließlich auch so ausgesucht.

Natürlich gibt es immer Dinge, die nicht nur reine Freude sind. Aber solange ich weiß, wofür ich es tue, halten mich auch solche „Unbequemlichkeiten“ nicht davon ab, meine Ziele zu verfolgen.

Was gefällt Dir an Dir besonders?

Alles natürlich! Kleiner Scherz. Ich bin froh, dass ich mich nicht immer voll und ganz ernst nehmen muss und auch des öfteren über mich lachen kann.

Auf welche eigene Leistung bist Du besonders stolz?

Zuerst, dass ich mich mit 19 getraut habe, für 15 Monate nach Japan zu gehen und die Zeit und vor allem das Training dort tatsächlich durchgehalten habe.

Außerdem, dass ich in den letzten vier Jahren trotz drei Operationen (zweimal Schulter, einmal Knie) immer wieder angefangen habe und wieder schnell und erfolgreich auf die Matte zurückgekehrt bin.

Was sagt man Dir nach?

Hängt davon ab wen man fragt… - angeblich sei ich manchmal etwas zickig...

Was magst Du an Dir gar nicht?

Dass ich manchmal zickig oder harsch bin, obwohl ich es gar nicht sein möchte

Wie kannst Du am besten entspannen?

in der Sonne und mit Musik

Als Kind wollte ich sein wie….?

das wechselte häufig….

Wem würdest Du mit welcher Begründung einen Orden verleihen?

Claire Bazynski: dass sich unser Trainer Michael Bazynski so gut um uns kümmern kann, trotz seiner Verpflichtungen als Junioren-Bundestrainer und immer für uns erreichbar ist, bedarf auch der Unterstützung und Nachsicht seiner Familie. Besonders seine Ehefrau Claire Bazynski trägt viel dazu bei. Leider wird oftmals die Leistung der Familien übersehen. Man darf nicht vergessen, dass Trainer in unserem Sport nicht wirklich gut bezahlt werden. Besonders im Olympiajahr steigen die Überstunden bis ins Unermessliche. Das geht natürlich zur Lasten der Familie. Deshalb bin ich froh, dass Claire so viel Verständnis dafür hat. Also Danke sehr, Claire!

Was ist für Dich eine Versuchung?

Gutes Essen…

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Wenn man denkt, es geht nicht mehr, geht es immer noch ein ganzes Stück weiter.

Videos

  • Harnier vs. Malloy
  • Harnier vs. Miletic

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